Den Chefarzt habe ich für die restliche Zeit meines Aufenthaltes nicht mehr wiedergesehen. Dafür aber häufiger wechselnde Stationsärzte. Bei ihren kurzen Stippvisiten schienen sie über das weitere Vorgehen bei mir nicht informiert zu sein.
Immer wieder nahmen sie erstaunt zur Kenntnis, dass sich der Chefarzt schon zu meinem Fall geäußert hatte (wie das???). Seine Empfehlung an den vermeintlichen Privatpatienten: "Vor der Operation gehen Sie noch eine Woche nach Hause. Je besser sich die vorhandene Schwellung zurückbildet, desto besser ist das OP-Ergebnis." Aha, so so, na gut...
Erst im Nachhinein ist mir so richtig klar geworden (?!), dass man während meines fünftägigen Krankenhausaufenthaltes nicht die allerkleinste Untersuchung bei mir durchgeführt hat, um die Notwendigkeit der angedachten OP abzusichern. Bei Beschwerden wie den meinen ist eine OP bekanntermaßen immer Mittel der letzten Wahl. Insbesondere, wenn sie ohne Vorgeschichte das allererste Mal auftreten. Bei mir wurde die OP-Indikation schon in der Ambulanz innerhalb von 20 Sekunden nach einfacher Blickdiagnose gestellt.
Mir kam der Verdacht...
- dass jemandem die vorgeschriebene Anzahl von Operationen für seinen Facharzt vollkriegen muss und/oder
- dass das Krankenhaus sich bemüht, die gesetzlich festgelegten OP-Mindestmengen zu erreichen (um die Lizenz für diese Art von OPs nicht zu verlieren)
Über eine ganz häßliche Variante (aus den USA) berichtet
Professor Kurt Lauterbach in seinem Buch "
Der Zweiklassenstaat". Lauterbach ist unter anderem Mitglied im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln und
Gastdozent an der Harvard School of Public Health in Boston. Er kenne persönlich bekannte Ärzte und Wissenschaftler, die ihm persönlich erzählt hätten, dass am "Menschenmaterial" der "ärmeren Schichten" gerne mal OP-Techniken eingeübt werden, damit man sie dann für die zahlkräftige Kundschaft sicher beherrsche. Vor dem Hintergrund meiner sonstigen, traurigen Berufserfahrung im Gesundheitswesen erscheint mir das durchaus vorstellbar.
Wieder zuhause, habe ich mich per Internet über die (sieh an, sieh an !) erheblichen Risiken der vorgeschlagenen OP informiert. Eine Aufklärung dazu habe ich ebensowenig erhalten wie eine Besprechung von Behandlungsalternativen.
I´m not amused !!Nach Entlassung habe ich einen Spezialisten mit der Bitte um eine Zweitmeinung konsultiert und siehe da - eine OP im jetzigen Stadium sei nicht indiziert. Beim dauerhaften Fortbestehen der Beschwerden könne man das Problem durch einen kleinen ambulanten Eingriff beheben. Ich kann nur darauf hoffen, dass es sich hierbei um eine sachlich fundierte und nicht wieder um eine Empfehlung im Eigeninteresse handelt....